Phobie

 

Gehirnaktivierung während automatischer und kontrollierter Reizverarbeitung vor und nach psychotherapeutischer Behandlung bei spezifischer Phobie

 

Antragsteller: Professor Dr. Thomas Straube, Universitätsklinikum Münster, Institut für Medizinische Psychologie und Systemneurowissenschaften

Professor Dr. Wolfgang Miltner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie

DFG-Förderungvon 2006 bis 2011

 

Die neuronalen Grundlagen effektiver psychotherapeutischer Interventionen bei spezifischen Phobien sind weitgehend unbekannt. Erste Befunde legen nahe, dass Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zu einer teilweisen Normalisierung der Gehirnaktivierung bei kontrollierter Verarbeitung bedrohungsrelevanter Stimuli führt. Inwiefern dies auch für automatische Verarbeitungsprozesse zutrifft, ist bislang unerforscht. Aktuelle Modellvorstellungen postulieren eine weitgehende Stabilität pathologischer neuronaler Verarbeitungsautomatismen, die nach einer erfolgreichen Therapie effektiv inhibiert werden. Das Ausmaß therapieresistenter neuronaler Hyperreaktivität auf bedrohliche Reize könnte dabei auch mit langfristigen negativen Therapieergebnissen korrelieren. Gegenstand des beantragten Projektes ist die Untersuchung der neuronalen Korrelate automatischer und kontrollierter Prozesse der Reizverarbeitung vor und nach erfolgreicher KVT bei Tierphobikern mittels funktioneller Magnetresonanztomographie und Elektroenzephalographie. Das Forschungsprogramm soll klären, ob sich KVT in unterschiedlichem Ausmaß auf Gehirnprozesse während automatischer und kontrollierter Verarbeitung bedrohungsrelevanter Information auswirkt, welche Gehirnbereiche an der Regulierung neuronaler Hyperaktivität beteiligt sind und welche Zusammenhänge zwischen zentralnervösen Aktivierungsmustern und langfristigem Therapieerfolg bestehen.

Zusammenfassung der Projektergebnisse

Hauptziel des beantragten Forschungsprojektes war die Untersuchung neurobiologischer Grundlagen von Psychotherapieeffekten bei spezifischer Phobie, inbesondere während der automatischen Verarbeitung phobogener Stimuli. Für die Untersuchung dieser Fragen wurden Spinnenphobiker in einem Wartegruppendesign vor und nach einer Therapie untersucht. Zur Charakterisierung neuronaler Aktivierungen wurden bildgebende Verfahren (fMRT) und ereigniskorrelierte hirnelektrische Potentiale (EKP) herangezogen. Während die fMRT-Technik eine hervorragende räumliche Auflösung auch bzgl. subkortikaler Areale bietet, leisten die EKP-Analysen einen Beitrag zu Untersuchung schneller kortikaler Aktivierungsprozesse. Die Variation automatischer und kontrollierter Reizverarbeitung erfolgte dabei in getrennten Experimentalreihen zum einen durch die subliminale oder supraliminale Präsentation der Stimuli und zum anderen durch eine parametrische Distraktionsaufgabe. Die Therapie führte zu signifikanter Reduktion der Symptomatik bei der Therapiegruppe, die sich in Fragebögen, Stimulusratings, peripherphysiologischen Parametern und Verhaltensdaten nachweisen ließ. Die Analysen zeigten, nach absolvierter KVT, für alle Datenebenen eine signifikante Veränderung der Werte für die Therapiegruppe (im Sinne einer Normalisierung) im Vergleich zu den unbehandelten Probanden der Wartegruppe. Die einzige Ausnahme stellte lediglich die per Fragebogen gemessene Vigilanz gegenüber Spinnen dar. Diese blieb auch nach der Therapie unverändert hoch. Die Auswertung der neuronalen Daten zeigte zum ersten Meßzeitpunkt eine erhöhte Aktivierung der Amygdala und visueller Areale sowie gesteigerte frühe EKPs auf phobogene Reize bei den Phobikern im Vergleich zur Kontrollgruppe auch unter allen automatischen Verarbeitungsbedingungen. Die Aktivierung der Amygdala für den Kontrast Spinnenbilder vs. neutrale Bedingung bei Spinnenphobikern korrelierte spezifisch mit der Vigilanz für Spinnen. Dieser Befund stützt die Annahme, dass die Amygdala ein wichtiges Zentrum für bedrohungsassoziierte Vigilanzprozesse darstellt. Die Auswertung der Therapieeffekte ergab eine hohe Stabilität dieser Aktivierungen über die Zeit. So blieben die Amygdalaaktivierung im Distraktionsparadigma und die erhöhten frühen und teilweise späten Potentiale sowohl beim Distraktionsparadigma als auch beim subliminalen Paradigma erhalten. Im Zusammenhang mit dem Befund, dass sich die Vigilanz gegenüber Spinnen durch eine Therapie nicht ändert, deuten die Daten darauf hin, dass die automatischen neuronalen Antworten zum großen Teil diese erhöhte, therapieresistente Vigilanz widerspiegeln. Für das Distraktionsparadigma zeigte sich ein therapieinduzierter Effekt im ventromedialen präfrontalen Kortex. Die Teilnehmer der Therapiegruppe wiesen in diesem Areal eine erhöhte Aktivierung auf Spinnen vs. neutrale Stimuli nach der Therapie im Vergleich zur Wartegruppe auf. Dieser Effekt war unabhängig vom Ausmaß der Schwierigkeit der Distraktionsaufgabe. Damit bestätigen diese Befunde die Hypothese, dass Areale im ventromedialen präfrontalen Kortex an der Extinktion von Furchtreaktionen beteiligt sind. Dabei scheinen furchtassoziierte Netzwerke, die zu einer verstärkten Assoziation von bestimmten Reizen und furchtrelevanten, reflexiven Verhaltensantworten führen, nicht gelöscht, sondern u.a. durch kortiko-frontale Einflüsse, vor allem des ventromedialen präfrontalen Kortex, inhibiert werden. Dies scheint auch ein Mechanismus zumindest bei einigen Formen automatischer Verarbeitung von phobogenen Stimuli zu sein. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz einer sehr effektiven Therapie der Spinnenphobie eine relativ automatische neuronale Hyperaktivierung auf phobiespezifische Stimuli erhalten bleibt, die jedoch gleichzeitig mit einer erhöhten Aktivierung ventromedialer Areale einhergeht, die dazu führen könnte, das die behandelten Personen offenbar Strategien und Verhaltenskompetenzen erwerben, um die Begegnung mit phobogenen Stimuli angemessen und ohne pathologisches Angstempfinden bewältigen zu können.

Projektbezogene Publikationen (Auswahl)

  • Straube, T., Mentzel, H. J., & Miltner, W. H.(2007). Waiting for spiders: brain activation during anticipatory anxiety in spider phobics. Neuroimage, 37(4), 1427-1436
  • Straube, T. & Miltner, W. H. R.(2011). Ängste und Phobien. In: Schiepek, G. (Hg.), Neurobiologie der Psychotherapie (pp. 385-394). Schatthauer
  • Straube, T., Lipka, J., Miltner, W.H.R.(2009). Neural basis of automatic processing of disorder-related stimuli in specific phobia. Psychophysiology, 46, 126-126
  • Lipka, J., Miltner, W.H.R. & Straube, T. (2009). Manipulation of awareness differentially modulates amygdala responses to phobic stimuli. Psychophysiology, 46, 139-139.

 

 

 

 

 

Neuronale Mechanismen der Verarbeitung emotionaler Informationen aus Gesichtern und Stimmen bei Sozialer Phobie

 

Antragsteller: Professor Dr. Wolfgang Miltner, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie, Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie

Professor Dr. Thomas Straube, Universitätsklinikum Münster, Institut für Medizinische Psychologie und Systemneurowissenschaften

Teilprojekt DFG-Forschergruppe FOR 1097:  Wahrnehmung von Personen - Person Perception; Förderung seit 2009

 

Personen mit Sozialer Phobie sind durch Informationsverarbeitungsanomalien gekennzeichnet, die mit einer verstärkten neuronalen Sensitivität für sozial bedrohliche Stimuli, wie z.B. ärgerliche Gesichts- und Stimmausdrücke, einhergehen. Es ist unbekannt, inwiefern automatische Gehirnaktivierungsmuster auf soziale Bedrohung bei Sozialer Phobie von Aufmerksamkeitsressourcen und Bedrohungsspezifität der Stimuli abhängen und inwiefern sie durch Stimulusmodalität und – intensität moduliert werden. Des Weiteren ist nicht bekannt, inwiefern sich abnormale Aktivierungen durch eine Psychotherapie der Sozialen Phobie, zum Beispiel Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), modifizieren lassen. Basierend auf den Stimuli, Methoden und Befunden bei gesunden Personen der ersten Förderperiode erweitert das hier beantragte Projekt die Forschung auf eine klinische Population. Ziel ist die Erforschung der Gehirnaktivierung während der Verarbeitung emotionaler Gesichtsausdrücke und Prosodie bei Sozialer Phobie vor und nach einer KVT. Unter Nutzung von paralleler funktioneller Magnetresonanztomografie (FMRT) und Elektroenzephalographie (EEG) und der Variation des emotionalen Ausdrucks, der emotionalen Intensität, der sensorischen Modalität und der Aufmerksamkeitsbeanspruchung sollen nachfolgende Fragen beantwortet werden. (1) Gibt es Evidenz für automatische und bedrohungsspezifische Gehirnantworten auf emotionale Gesichtsausdrücke und emotionale Prosodie bei Sozialer Phobie? (2) Welchen Effekt haben die Aufmerksamkeitsbeanspruchung und damit die verfügbare Verarbeitungskapazität auf emotionsspezifische Gehirnaktivierungsmuster bei Sozialer Phobie? (3) Gibt es vergleichbare neuronale Korrelate der Verarbeitung emotionaler Informationen von Gesichtern und Stimmen? (4) Inwiefern lassen sich abnorme Aktivierungsmuster auf Stimmen und Gesichter bei Sozialer Phobie durch eine Kognitive Verhaltenstherapie verändern? (5) Sagen Gehirnaktivierungsmuster während der automatischen Verarbeitung sozialer Stimuli den Therapieerfolg vorher?